Iran am Limit: Umweltzerstörung als Folge politischer Herrschaft
Am 30. Mai 2026 erreicht Iran seinen Country Overshoot Day. Das bedeutet: Würde die gesamte Weltbevölkerung so leben und wirtschaften wie die Menschen in Iran, wären die Ressourcen, die die Erde innerhalb eines Jahres erneuern kann, rechnerisch bereits an diesem Tag aufgebraucht. Das ist allerdings kein Anlass, mit dem Finger auf Iran zu zeigen: In Deutschland wurde diese Grenze bereits am 10. Mai 2026 überschritten.
Der Country Overshoot Day ist kein perfektes Messinstrument. Er zeigt weder Verantwortung noch Profiteure oder Leidtragende eindeutig auf. Aber er macht sichtbar, was im Iran längst Alltag ist: Das Land lebt ökologisch über seine Grenzen hinaus. Wasser, Böden, Luft, Wälder, Feuchtgebiete und Artenvielfalt stehen unter massivem Druck.
Die Umweltkrise ist dabei nicht nur eine Natur- oder Klimafrage. Sie ist eine politische Krise.
Ein Land in der ökologischen Dauerkrise
Iran gehört zu den Ländern, in denen die Folgen von Klimawandel, Ressourcenverbrauch und staatlicher Misswirtschaft besonders deutlich sichtbar werden. Dürreperioden, Wasserknappheit, sinkende Grundwasserspiegel, austrocknende Seen, Luftverschmutzung, Staubstürme, Bodensenkungen und Stromausfälle prägen in vielen Regionen den Alltag.
Besonders dramatisch ist die Wasserkrise. In den vergangenen Jahren verschärften sich Dürren, sinkende Niederschläge und der Druck auf Stauseen und Grundwasser. In Teheran, Isfahan, Khuzestan, Sistan und Belutschistan und anderen Regionen wurde Wasserknappheit zu einer sozialen Frage. Wenn Wasser fehlt, geraten Gesundheit, Landwirtschaft, Arbeit und Wohnen schnell in Gefahr.
Die Luft, die Menschen atmen müssen, ist zum Symbol politischer Vernachlässigung geworden. In Großstädten wie Teheran, Mashhad, Isfahan oder Ahvaz führen Abgase durch alte Fahrzeuge und schlechte Kraftstoffe, Industrieemissionen und Staub aus ausgetrockneten Seen und Böden regelmäßig zu gefährlichen Belastungen. Teheran belegt immer wieder Spitzenplätze unter den Städten mit besonders hoher Luftverschmutzung und hat pro Jahr nur wenige Tage mit sauberer Luft. Schulen werden geschlossen, Menschen mit Vorerkrankungen sind besonders gefährdet, und doch bleibt die staatliche Antwort meist kurzfristig: Warnungen, Schließungen, Appelle. Die Ursachen werden nicht konsequent angegangen.
Auch die Wälder Irans, oft als „grüne Lungen“ des Landes bezeichnet, stehen massiv unter Druck. Große Flächen wurden in den vergangenen Jahrzehnten zerstört. Ursachen sind unter anderem Abholzung, illegaler Holzhandel, Landnutzungskonflikte und Brände. Besonders in kurdischen Gebieten berichten Aktivist*innen immer wieder von Brandlegung durch staatliche Kräfte oder fehlender staatlicher Hilfe bei der Brandbekämpfung. Hier handelt es sich um einen Ökozid. Die vorsätzliche und systematische Zerstörung ganzer Ökosysteme trifft die kurdische Bevölkerung im Kern, raubt ihre Schutzräume, Existenzgrundlagen und auch ihr Kulturgut.
Ein Symbol der Umweltzerstörung ist der Urmia-See. Einst einer der größten Salzseen der Welt, lag er durch Wasserentnahme, Staudammbau, intensiver Landwirtschaft, Verdunstung und mangelhafter Planung im Sommer 2025 vollständig trocken. Sein Austrocknen bedroht nicht nur ein Ökosystem, sondern auch die Gesundheit und Existenzgrundlagen der Menschen in der Region. Der salzhaltige Staub des Seebodens stellt eine zusätzliche Belastung dar.
Der Iran steht zudem vor einer schweren Müllkrise. Ein großes Problem ist die unkontrollierte Entsorgung: Ein erheblicher Teil des Abfalls landet auf wilden Deponien, die bis zu 90 Meter hoch sind. Statt recycelt zu werden, wird Müll oft verbrannt. Proteste der Anwohner*innen werden immer wieder mit Gewalt unterdrückt, während politische Lösungen seit Jahren ausbleiben.
Die Ursachen sind systemisch
Die Umweltkrise im Iran ist nicht allein das Ergebnis von Klimawandel oder geografischer Trockenheit. Beides spielt eine Rolle, doch die Tiefe der Krise ist politisch gemacht.
Seit Jahrzehnten setzt die Islamische Republik auf eine Politik, die kurzfristige Kontrolle, ideologische Selbstbehauptung und wirtschaftliche Interessen über nachhaltige Entwicklung stellt. Wasserintensive Landwirtschaft wurde in trockenen Regionen ausgeweitet. Staudämme wurden gebaut, ohne ökologische und soziale Folgen ausreichend zu berücksichtigen. Industrie wurde an Standorten angesiedelt, die dafür ökologisch kaum tragfähig sind. Grundwasser wurde übernutzt, häufig durch unregulierte und schlecht kontrollierte Brunnen. Gleichzeitig fehlt eine transparente, wissenschaftsbasierte und demokratisch kontrollierte Umweltpolitik.
Hinzu kommen Korruption, Patronagenetzwerke und die Macht staatsnaher Akteure. Große Infrastrukturprojekte sind im Iran Teil politischer und wirtschaftlicher Machtstrukturen. Wer von Staudämmen, Wassertransfers, Bauprojekten oder Industrieansiedlungen profitiert, ist oft eng mit staatlichen Institutionen, Sicherheitsapparaten oder einflussreichen Netzwerken verbunden. Die Kosten tragen andere: Landwirt*innen, Arbeiter*innen, marginalisierte Regionen, ethnische Minderheiten und kommende Generationen.
Gerade in Regionen wie Khuzestan, Sistan und Belutschistan oder Kurdistan zeigt sich, wie Umweltzerstörung mit sozialer und politischer Ungleichheit verbunden ist. Wasserknappheit, schlechte Infrastruktur, Verschmutzung und wirtschaftliche Vernachlässigung treffen besonders jene Menschen, die ohnehin weniger politische Mitsprache haben.
Umweltpolitik ist im Iran deshalb auch eine Frage von Gerechtigkeit.
Repression statt Verantwortung
Wer im Iran auf Umweltzerstörung aufmerksam macht, lebt gefährlich. Umweltaktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Journalist*innen können ins Visier der Sicherheitsbehörden geraten, wenn ihre Arbeit staatliches Versagen sichtbar macht oder Interessen mächtiger Akteure berührt.
Der bekannteste Fall ist der der Umweltforscher*innen der Persian Wildlife Heritage Foundation. Sie arbeiteten unter anderem zum Schutz des Asiatischen Geparden, einer der bedrohtesten Großkatzen der Welt. 2018 wurden mehrere von ihnen festgenommen und später wegen angeblicher Spionage und nationaler Sicherheitsdelikte verurteilt. Internationale Menschenrechtsorganisationen kritisierten die Verfahren als unfair und politisch motiviert. Der Gründer der Organisation, Kavous Seyed-Emami, starb im Februar 2018 unter ungeklärten Umständen in Haft. Die Behörden sprachen von Suizid; seine Familie und Menschenrechtsorganisationen fordern bis heute eine unabhängige Aufklärung.
Niloufar Bayani, Houman Jowkar, Sepideh Kashani und Taher Ghadirian wurden erst 2024 nach Jahren im Gefängnis freigelassen. Ihre Freilassung ändert nichts an der politischen Botschaft dieses Falls: wissenschaftliche Umweltarbeit wird im Iran kriminalisiert.
Diese Repression hat Folgen weit über einzelne Personen hinaus. Sie schafft Angst, verhindert Forschung und schwächt zivilgesellschaftliche Kontrolle. Sie signalisiert jungen Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen, dass Umweltengagement als staatsfeindlich behandelt werden kann.
Die Islamische Republik bekämpft nicht die Krise, sondern diejenigen, die sie sichtbar machen.
Umweltkrise als Menschenrechtskrise
Umweltzerstörung ist im Iran nicht von Menschenrechten zu trennen. Sauberes Wasser, saubere Luft, Gesundheit, sichere Lebensgrundlagen und Zugang zu Umweltinformationen sind keine Nebenthemen. Das Recht auf eine gesunde Umwelt ist als Menschenrecht anerkannt, denn es betrifft das tägliche Überleben von Menschen.
Die Islamische Republik versucht häufig, Krisen als Folge äußerer Umstände darzustellen: Sanktionen, Klimawandel, Trockenheit, internationale Spannungen. Diese Faktoren existieren. Doch sie erklären nicht, warum Warnungen über Jahre ignoriert wurden, Entscheidungen intransparent bleiben und Betroffene kaum Mitspracherechte haben.
Wo freie Medien, unabhängige Gerichte, echte Parlamente und geschützte Zivilgesellschaft fehlen, können Umweltverbrechen leichter vertuscht, verschleppt oder normalisiert werden.
Wer zahlt den Preis?
Krankenhausaufenthalte, Produktivitätsverluste und Reparaturen beschädigter Infrastruktur summieren sich auf hohe Milliardenbeträge pro Jahr. Doch die Folgen der Umweltzerstörung treffen nicht alle gleich. Wohlhabende Gruppen können Wasser kaufen, Luftfilter nutzen, umziehen oder sich medizinisch besser versorgen. Arme Familien, Arbeiter*innen und Menschen in ländlichen Gemeinden oder marginalisierten Regionen haben diese Möglichkeiten oft nicht.
In Khuzestan wird Wasserknappheit zusätzlich durch Verschmutzung, Hitze und politische Vernachlässigung verschärft. In Sistan und Belutschistan verbinden sich Dürre, Armut und staatliche Diskriminierung. In landwirtschaftlich geprägten Regionen gefährden sinkende Wasserreserven die Existenz vieler Familien. In Großstädten wird Luftverschmutzung zur täglichen Gesundheitsgefahr.
Damit wird Umweltzerstörung zu einer Form sozialer Gewalt, die Menschen Lebensqualität, Sicherheit und Zukunftsperspektiven nimmt.
Kriegsfolgen
Der Iran-Krieg verschärft diese Lage zusätzlich. Die UN hat bislang 400 umweltrelevante Vorfälle dokumentiert. Beim Einschlag von Bomben entsteht giftiger Staub aus zermahlenem Baumaterial. Angriffe auf Energieanlagen, Industriekomplexe, militärische Infrastruktur, Häfen oder Anlagen in Küstenregionen haben zusätzlich giftige Stoffe freigesetzt, die Luft, Boden und Wasser belasten und langfristige Gesundheitsrisiken schaffen.
Ruß, Asche und Schadstoffe aus Angriffen auf Treibstofflager und einer Raffinerie führten zu einem schwarzen, öligen, saureren Regen. Brennende Öl- und Gasinfrastruktur, zerstörte Anlagen, Trümmer und Verunreinigungen im Persischen Golf treffen nicht nur die Gegenwart, sondern auch kommende Generationen.
Krieg zerstört nicht nur Gebäude - Krieg vergiftet Lebensräume.
Keine ökologische Zukunft ohne Freiheit
Der Iran verfügt aufgrund seiner geografischen Lage über ein enormes, bislang nur zu einem Bruchteil ausgeschöpftes Potenzial für erneuerbare Energien. Mit über 300 Sonnentagen im Jahr und ausgedehnten Windkorridoren bieten sich ideale Bedingungen für die Stromerzeugung aus Solar- und Windkraft. Schätzungen beziffern das technische Potenzial auf bis zu 60.000 Megawatt. Damit könnten sämtliche Haushalte Irans sowie große Teile der Wirtschaft mit Strom versorgt werden.
Eine wirksame Umweltpolitik ist jedoch auf Unbestechlichkeit, transparente Daten, unabhängige Forschung, freie Berichterstattung und die Beteiligung der betroffenen Bevölkerung angewiesen. Im Iran sind genau diese Voraussetzungen stark eingeschränkt. Ökologische Schäden bleiben häufig ohne Konsequenzen, während vorhandene Potenziale nicht ausgeschöpft werden.
Eine nachhaltige Antwort auf die Umweltkrise im Iran erfordert politischen Willen, Rechtsstaatlichkeit, den Schutz zivilgesellschaftlicher Arbeit und echte Rechenschaft.
Solange ein System herrscht, dem Machterhalt wichtiger ist als das Leben, die Gesundheit und die Zukunft der Menschen im Land, bleibt ökologische Gerechtigkeit im Iran untrennbar mit der Forderung nach einem grundlegenden Systemwechsel verbunden.
Quellen
https://overshoot.footprintnetwork.org/newsroom/country-overshoot-days/
Country Overshoot Days 2026
Global Footprint Network
https://apnews.com/article/iran-president-water-crisis-rain-evacuation-da5f9ccd264d525ed16aa53ea76dcf8a
Iranian capital faces water rationing and evacuations if it doesn't rain soon, president warns
Associated Press
https://www.citystgeorges.ac.uk/news-and-events/news/2025/december/irans-record-drought-and-cheap-fuel-have-sparked-an-air-pollution-crisis-but-the-real-causes-run-much-deeper
Iran’s record drought and cheap fuel have sparked an air pollution crisis – but the real causes run much deeper
City St George’s, University of London
https://gulfif.org/irans-water-crisis-governance-climate-and-the-politics-of-survival/
Iran’s Water Crisis: Governance, Climate, and the Politics of Survival
Gulf International Forum
https://www.hrw.org/news/2018/02/13/iran-investigate-suspicious-deaths-detention-release-activists
Iran: Investigate Suspicious Deaths in Detention, Release Activists
Human Rights Watch
https://www.bpb.de/themen/naher-mittlerer-osten/iran/316161/irans-wasserkrise-missmanagement-und-anhaltende-konflikte/
Irans Wasserkrise: Missmanagement und anhaltende Konflikte
Bundeszentrale für politische Bildung
https://www.zeit.de/news/2025-12/06/smog-im-iran-morgens-brennen-die-augen-abends-die-lunge
Smog im Iran: Morgens brennen die Augen, abends die Lunge
DIE ZEIT / dpa
https://www.dw.com/de/iran-missmanagement-d%C3%BCrre-grundwasser-%C3%BCbernutzt-landwirtschaft-solar-potential-staud%C3%A4mme-proteste/a-75624491
Iran: Umweltkrisen und Proteste
Deutsche Welle
https://jungle.world/blog/von-tunis-nach-teheran/2025/11/die-mullah-luft-die-toetet-autoritaere-herrschaft-toxische
Die Mullah-Luft, die tötet: Autoritäre Herrschaft, toxische Energiepolitik und Umweltzerstörung im Iran
Jungle World
https://de.euronews.com/2026/03/26/iran-droht-ruckschritt-um-jahre-umweltzerstorung-gefahrdet-langfristige-gesundheit
Iran droht Rückschritt um Jahre: Umweltzerstörung gefährdet langfristige Gesundheit
Euronews
https://www.spektrum.de/alias/bilder-der-woche/teheran-im-smog-nicht-mehr-als-fuenf-tage-frische-luft-im-jahr/2254654
Teheran im Smog: Nicht mehr als fünf Tage frische Luft im Jahr
Spektrum der Wissenschaft
https://www.rosalux.de/news/id/46614/klimakrise-im-iran
Umweltkrise im Iran
Rosa-Luxemburg-Stiftung
https://www.friedensbildung-bw.de/fileadmin/friedensbildung-bw/redaktion/Konflikte/pdf/Konfliktanalyse_Iran_WEB.pdf
Friedenspädagogische Konfliktanalyse Iran
Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg
https://www.iqair.com/de/newsroom/tehran-among-top-10-most-polluted-cities-in-the-world-11-22-2025
22. November 2025: Teheran unter den Top 10 der am stärksten verschmutzten Städte der Welt
IQAir
https://www.borkenerzeitung.de/welt/in-ausland/panorama/Nur-fuenf-Tage-saubere-Luft-im-Jahr-Teheran-kaempft-mit-Smog-603666.html
Nur fünf Tage saubere Luft im Jahr: Teheran kämpft mit Smog
Borkener Zeitung / dpa
https://www.fr.de/politik/globale-ernaehrungssicherheit-auf-kritischem-niveau-da-iran-krieg-neue-schocks-ausloest-warnt-un-zr-94279177.html
Iran-Krieg gefährdet Ernte 2026: Zeitfenster schließt sich – 266 Millionen Menschen bedroht
Frankfurter Rundschau
https://iranjournal.org/news/59-000-todesfaelle-in-iran-durch-luftverschmutzung-innerhalb-eines-jahres
59.000 Todesfälle in Iran durch Luftverschmutzung innerhalb eines Jahres
Iran Journal